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Erfahrung und Wissen in der Beratung
Theoretische und empirische Analysen zum Entstehen professionellen Wissens in der Erziehungsberatung
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Autor(en):
Göttingen, 13. Oktober 2006
Seiten: 348
Auflage: 1
Sprache: DE
ISBN-10: 3867270325
ISBN-13: 9783867270328
Zugeordnete Fachbereiche:
Pädagogik
Bezugsmöglichkeiten
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Kurzbeschreibung
In der Arbeit von Josef Strasser wird die Bedeutung von Wissen und Erfahrung für die berufliche Entwicklung psychologischer Berater thematisiert. Gemeinhin wird beruflicher Erfahrung eine wichtige Rolle beim Kompetenzerwerb zugesprochen. Personen, die über viel Erfahrung in einem Bereich verfügen, heben sich in vielen Aspekten "positiv" von weniger Erfahrenen ab. Diese Vorstellung liegt den meisten Aus- und Weiterbildungsprogrammen zugrunde, in denen beraterische und/oder therapeutische Kompetenz vermittelt werden soll. Es wird angenommen, dass praktische Erfahrung mit einer Vielzahl unterschiedlicher Fälle zu hoher Kompetenz führt. Ein Blick auf die diesbezügliche Forschungsliteratur fällt jedoch ernüchternd aus: es gibt kaum Hinweise darauf, dass erfahrene Beratungspraktiker über eine Form der Expertise (im Sinne hohen Leistungsvermögens) verfügen. Dass ein Vorteil erfahrener Personen für den Bereich professioneller Beratung nicht oder nur kaum gesichert werden konnte, liegt u.a. in methodischen und konzeptionellen Problemen bisheriger Studien begründet. Erfahrung kann nicht ausschliesslich quantitativ bestimmt werden und sie kann nicht unabhängig vom jeweiligen Wissen der Berater und Beraterinnen betrachtet werden - und umgekehrt. Denn Erfahrung als aktive und kontinuierliche Reflexion der eigenen beruflichen Praxis bewirkt Änderungen im individuellen beruflichen Wissen wie auch der Reflexion immer auch schon Wissen zugrundeliegt. Die Entwicklung praxisrelevanten Wissens kulminiert demnach nicht in der "Anhäufung" rein deklarativen Wissens, sondern ist eingebettet im individuellen Erfahrungsschatz. Professionelle Beratung basiert demnach auf unterschiedlichen Arten und Formen von Wissen. Die Entwicklung professionellen Wissens in der psychologischen Beratung ist nicht mit dem Erwerb eines Zertifikats oder Diploms abgeschlossen. Das grundlegende Wissen mit dem psychologische Praktiker in ihrem Studium und in Zusatzausbildungen ausgestattet werden, unterliegt im Verlauf der beruflichen Praxis vielfältigen Veränderungen. Diesen Veränderungen der Wissensbasis psychologischer Berater und Beraterinnen wurde in einer Studie nachgegangen. Insbesondere wurde dabei folgenden Fragen aufgeworfen:
1) Inwieweit verändert sich die Relevanz grundlegenden, deklarativen und erfahrungsbasierten Wissens?
2) Welche Rolle spielt die Auseinandersetzung mit Fällen und als bedeutsam erlebten Episoden
3) Inwieweit läßt sich eine zunehmende Kontextualisierung und Konditionalisierung des Wissens feststellen?
4) Welche Rolle kommt der Reflexion von Erfahrungen hierbei zu.
Drei Gruppen von psychologischen Beratern mit unterschiedlicher Erfahrung wurden untersucht. Im Rahmen einer prompting-task wurden sie mit zwanzig domänenspezifischen Beratungsanlässen konfrontiert. Die Versuchspersonen sollten ihr Wissen zu den unterschiedlichen Problemkategorien darlegen. Ihre Aussagen wurden analysiert im Hinblick auf
1) das Ausmaß grundlegenden und
2) erfahrungsbasierten Wissens
3) das Ausmaß der Bezugnahme auf konkret erlebte Fälle und Episoden
4) das Ausmaß der Bezugnahme auf Kontextfaktoren und Handlungsbedingungen sowie
5) Ausmaß und Güte der Reflexion.
Es konnte gezeigt werden, dass berufliches Wissen sich in der Auseinandersetzung mit von der Person als bedeutsam erlebten Episoden bildet und Berater ihr Wissen v.a. anhand von authentischen und selbst erlebten Fällen explizieren. Die Bezugnahme auf persönlich bedeutsame Episoden scheint ihnen zu helfen, ihr deklaratives Wissen zu integrieren bzw. zu re-integrieren. Im Verlauf der beruflichen Entwicklung entwickelt sich demnach eine einheitliche, narrativ angereicherte Wissensbasis; sie erlaubt es erfahrenen Beratern, eine Meta-Perspektive einzunehmen und ihre Arbeit sowie die Bedingungen für ihre Handlungsergebnisse extensiv zu reflektieren. Denn die Veränderungen, zu denen neben der narrativen Anreicherung der Wissensbasis eine zunehmende Kontextualisierung des Wissens gehört, scheinen vom Ausmaß und Niveau der Reflexion gemachter Erfahrungen abzuhängen.
Die vorgestellten Ergebnisse können dazu beitragen, die Bedeutung beruflicher Erfahrung für die Wissensentwicklung von Berater zu klären und Hinweise für die Gestaltung entsprechender Ausbildungen zu liefern.
Stichworte: Beratung, Erziehungsberatung, Kompetenz, Kompetenzerwerb, Expertise, Wissen, Wissenserwerb, Erfahrung, Reflexion, Therapieausbildung
Rezensionen
Fazit
Für alle Beraterinnen und Berater, die Verantwortung für die Professionalisierung ihrer Zunft übernehmen ist es ein Muss, die Befunde und Denkanstöße Strassers wahrzunehmen. Dies gilt, obwohl der universitäre Gestus dieser Qualifizierungsarbeit ihrem Verständnis abträglich ist. Besonders im empirischen Teil leiden die Lesbarkeit und die Überzeugungskraft der Studie immer wieder unter der Flut von Detailbeobachtungen, die ungefiltert dargestellt werden. Als gestraffter und pointierter Fachartikel hätte die Arbeit von Josef Strasser die Resonanz, die sie haben könnte und die sie im Kreise der Beratungspraktiker auch haben müsste.
Rezensent
Dr. Christoph Hutter
Diplom-Theologe, Diplom-Pädagoge, Ehe-, Familien-, Lebensberater (BAG), Psychodramatiker (DFP/DAGG), Leiter des Psychologischen Beratungszentrums der Diözese Osnabrück in Lingen
Die vollständige Rezension finden Sie unter:
Socialnet
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